Digital Innovation Campus bündelt KI und Cybersicherheit
An der Ecke Appelstraße und Schneiderberg bekommt die Informatik der Leibniz Universität Hannover einen neuen Standort. Im „Digital Innovation Campus“ sollen Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Data Science enger zusammenrücken. Mit dem CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit kommt ein Forschungspartner hinzu, der dem Vorhaben ein deutliches Profil in der IT-Sicherheit gibt.
Der interessante Teil des Projekts steckt dabei weniger im Neubau selbst als in der geplanten Arbeitsweise. Forschung, Lehre und Transfer sollen nicht getrennt nebeneinander stattfinden. Professuren und Forschungsgruppen aus Maschinellem Lernen, Künstlicher Intelligenz, Datenbanken, Informationssystemen und Digitaler Bildung sollen mit Start-ups und Unternehmen zusammenarbeiten.
Das klingt zunächst nach dem inzwischen vertrauten Vokabular wissenschaftlicher Innovationsstandorte. Beim Digital Innovation Campus lässt sich der Anspruch jedoch an konkreten Forschungsfeldern festmachen. KI-Systeme brauchen Daten, Daten brauchen belastbare Infrastrukturen, und sobald solche Systeme in reale Anwendungen gelangen, werden Sicherheit und Verlässlichkeit zu praktischen Forschungsfragen. Genau an diesen Übergängen soll der Campus ansetzen.
KI und Sicherheit unter einem Dach
Die Zusammenarbeit mit dem CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit dürfte dafür besonders relevant werden. Die Verbindung von KI-Forschung und Cybersicherheit ist fachlich naheliegend. Maschinelles Lernen kann selbst Gegenstand von Angriffen und Manipulationen werden. Gleichzeitig kommen entsprechende Verfahren bei der Analyse komplexer Datenbestände und digitaler Systeme zum Einsatz.
Welche gemeinsamen Forschungsstrukturen LUH und CISPA am Standort konkret aufbauen, ist bislang allerdings nicht näher beschrieben. Offen bleibt damit beispielsweise, welche Forschungsgruppen unmittelbar zusammenarbeiten und wie dauerhaft die institutionelle Verzahnung angelegt wird.
LUH-Präsident Prof. Dr. Volker Epping spricht von einem „sichtbaren Knotenpunkt für digitale Zukunftsthemen in Niedersachsen“. Als Anwendungsfelder nennt er Gesundheit, Produktion, Mobilität und Bildung. Gerade dort zeigt sich, dass digitale Transformation längst keine rein informatische Aufgabe mehr ist. Technische Systeme treffen auf bestehende Organisationen, Arbeitsabläufe und regulatorische Anforderungen.
Der Campus soll deshalb auch ein Ort für interdisziplinäre Projektarbeit sein. Digitale Lern- und Experimentierlabore gehören ebenso zum Konzept wie Räume für Forschung und Begegnung. Hörsäle und Seminarräume verbinden den Forschungsbetrieb mit der Lehre. Digitale Bildungsformate sollen dort entwickelt, erprobt und wissenschaftlich begleitet werden.
Transfer soll Teil des Forschungsalltags werden
Bemerkenswert ist der Anspruch, den Technologietransfer räumlich näher an die Forschung zu holen. Start-ups und Unternehmen sollen gemeinsam mit den wissenschaftlichen Arbeitsgruppen Lösungen entwickeln. Auch Ausgründungen sind ausdrücklich Teil des Konzepts.
Das kann die Wege zwischen einer wissenschaftlichen Idee und ihrer praktischen Erprobung verkürzen. Automatisch funktioniert dieser Übergang allerdings nicht. Hochschulen, junge Unternehmen und etablierte Betriebe arbeiten mit unterschiedlichen Zeithorizonten, Erwartungen und Erfolgskriterien. Wissenschaftliche Erkenntnis lässt sich nicht immer im Takt eines Produktzyklus erzeugen. Umgekehrt benötigt Transfer Ansprechpartner, Zuständigkeiten und Möglichkeiten, Entwicklungen tatsächlich außerhalb des Labors zu testen.
Wie diese Schnittstellen am Digital Innovation Campus organisiert werden, ist noch nicht konkret ausgeführt. Der Anspruch eines offenen Innovationsortes wird sich deshalb weniger an der Architektur als an den späteren Arbeitsstrukturen messen lassen.
Das gilt ebenso für den Austausch mit öffentlichen Einrichtungen und Gesellschaft. Ein Gebäude kann Begegnungen ermöglichen. Ob daraus gemeinsame Forschung, neue Anwendungen oder belastbare Kooperationen entstehen, hängt von den Projekten und den Menschen ab, die dort arbeiten.
Ein Campus als Schnittstelle
Wissenschaftsminister Falko Mohrs verbindet den Campus mit einem breiten politischen Anspruch. KI revolutioniere Forschung und Wirtschaft, eröffne Chancen und bringe zugleich neue Herausforderungen für Sicherheit und Gesellschaft mit sich. Am neuen Standort sollen deshalb KI- und Cybersicherheitsforschung, Technologietransfer und Unternehmensgründungen zusammenkommen.
Damit wird der Campus mit Erwartungen aufgeladen, die über zusätzliche Räume für die Informatik hinausgehen. Digitale Souveränität, Sicherheit, wissenschaftlicher Transfer und wirtschaftliche Anwendung berühren sich zwar, folgen aber keineswegs automatisch derselben Logik. Gerade deshalb ist die Verbindung von Informatik und Informationssicherheitsforschung interessant.
Die bauliche Idee greift diesen Anspruch auf. Der Neubau ist als offenes und transparentes Gebäude konzipiert. Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft sollen darin sichtbar zusammenkommen. Für einen Forschungsstandort mit einem Schwerpunkt auf IT-Sicherheit steckt darin durchaus eine reizvolle Spannung: Offenheit und Kooperation sind erwünscht, zugleich benötigen Forschung, Daten und technische Systeme kontrollierte und geschützte Bereiche.
Wie gut der Digital Innovation Campus diese unterschiedlichen Anforderungen miteinander verbindet, wird sich im Betrieb zeigen. Sein fachliches Profil ist jedenfalls klar angelegt: Informatik soll hier nicht isoliert betrachtet werden. KI, Daten, Sicherheit, Bildung und Transfer werden als miteinander verbundene Forschungs- und Anwendungsfelder behandelt. Genau dort liegen viele der Fragen, mit denen sich die digitale Transformation inzwischen herumschlägt.

