Innenstädte neu denken: Warum die Gastwelt in der Stadtpolitik mehr Gewicht bekommen soll
Die Diskussion über deutsche Innenstädte kreist seit Jahren auffallend oft um Äußerlichkeiten: um Fassaden, um Milieus, um die Frage, wer das Bild der Zentren prägt. Die Denkfabrik Zukunft der Gastwelt, kurz DZG, hält diesen Blick für zu kurz. Nach Angaben der Organisation müsse die Politik weniger über das äußere Erscheinungsbild sprechen und stattdessen stärker auf Nutzung, Aufenthaltsqualität und wirtschaftliche Dynamik schauen. Denn die hübscheste Kulisse hilft wenig, wenn Erdgeschosse leer stehen, Gäste ausbleiben und sich das Leben am frühen Abend verflüchtigt.
Gastwelt in Innenstädten: Mehr als ein netter Nebeneffekt
Aus Sicht der DZG ist die sogenannte Gastwelt längst kein schmückender Rand der Stadtentwicklung mehr. Gemeint sind Gastronomie, Hotellerie, Tourismus sowie Freizeit- und Kulturwirtschaft, also jene Bereiche, die Menschen in die Zentren ziehen, Begegnungen ermöglichen und Geld in umliegende Lagen tragen. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Marcel Klinge mahnt deshalb einen Kurswechsel an. Wer ernsthaft über die Zukunft der Innenstädte rede, müsse die Gastwelt als Treffpunkt, Arbeitgeber und wirtschaftlichen Anker begreifen; hitzige Debatten, die am eigentlichen Handlungsbedarf vorbeigingen, führten aus seiner Sicht nicht weiter.

IFH Köln: Gastronomie ist für viele der Hauptgrund des Besuchs
Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Vorstoß nicht. Die DZG verweist auf eine Studie des IFH Köln aus dem Frühjahr, wonach 40 Prozent der Innenstadtbesucher gastronomische Angebote als wichtigsten Anlass für ihren Aufenthalt nennen. Das ist eine bemerkenswerte Zahl. Sie deutet darauf hin, wie stark Restaurants, Cafés und ähnliche Angebote inzwischen das soziale Klima und den wirtschaftlichen Pulsschlag vieler Städte bestimmen. Umso erstaunlicher wirkt der Einwand der Denkfabrik, dass dieser Bereich in der kommunalen Stadtentwicklung noch immer zu oft unter ferner liefen behandelt wird.
Positionspapier der DZG fordert neue Innenstadtpolitik
Mit ihrem Positionspapier unter dem Titel „Zukunft statt Zerrbild – Die Gastwelt als Schlüssel zu lebendigen Innenstädten“ drängt die Denkfabrik daher auf eine Neuausrichtung. Förderprogramme sollten die Gastwelt nach ihren Angaben nicht länger als Beiwerk behandeln, sondern als festen Teil städtischer Infrastruktur. Ebenso brauche es fairere steuerliche und finanzielle Rahmenbedingungen, damit Investitionen in Qualität und Service nicht ausgebremst werden. Auch die Fachkräftefrage sei nicht bloß ein Branchenthema, sondern längst Teil jeder ernsthaften Innenstadtpolitik. Hinzu komme der Wunsch, Aufenthaltsqualität endlich messbar zu machen und gezielt zu fördern. Der künftige Dialog über das Stadtbild solle sich, so der Tenor des Papiers, von Defizitdebatten lösen und stärker um Lösungen, Nutzungsmischung und urbanen Alltag kreisen.
Lebendige Zentren entstehen nicht durch Symbolpolitik
Klinge warnt nach Angaben der DZG davor, die Gastwelt als dekoratives Beiwerk zu unterschätzen. Wenn Vielfalt, Sicherheit und Lebensqualität in den Innenstädten erhalten bleiben sollen, brauche dieser Bereich mehr politisches Gewicht. Dahinter steht ein Gedanke, der fast schlicht wirkt und gerade deshalb sticht: Lebendige Zentren entstehen nicht allein durch Sanierung, Pflastersteine oder wohlmeinende Sonntagsreden. Sie wachsen dort, wo Menschen sich gern aufhalten, arbeiten, einkehren und wiederkommen. Die DZG versucht, die Debatte damit aus der Ecke der Empörung zurück in die nüchterne Stadtpolitik zu holen. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber womöglich liegt genau darin der Reiz dieses Vorstoßes.

