Internationaler Ulmer Preis für Johanna Wennemar
Wenn Städte im Sommer zu Wärmespeichern werden, gerät das Stadtgrün unter Druck. Was lange als robust galt, zeigt inzwischen Schwächen: Hitzeperioden dauern länger, Trockenphasen kehren verlässlicher wieder, und versiegelte Flächen lassen Bäumen oft kaum Luft zum Atmen. Genau an dieser Frage setzt die Masterarbeit von Johanna Wennemar an. Die Absolventin des Masterstudiengangs Landschaftsarchitektur an der Hochschule Osnabrück ist mit dem ersten Platz des Internationalen Ulmer Preises der Karl-Foerster-Stiftung für angewandte Vegetationskunde ausgezeichnet worden.
Die mit 4000 Euro verbundene Ehrung wurde im Rahmen einer Feier am Campus Haste der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur überreicht. Da der Preis nur im Zweijahresrhythmus vergeben wird, lag die Abgabe der Arbeit bereits einige Zeit zurück. Nach Angaben der Hochschule sagte Wennemar, gerade dieser zeitliche Abstand mache die Auszeichnung besonders, weil mit ihr die Erinnerung an die intensive Arbeitsphase und ein gewisser Stolz auf das Erreichte noch einmal zurückkehrten.
Laurophyllisierung als Antwort auf den Klimawandel in Städten
Der Titel der Arbeit wirkt zunächst sperrig: „Laurophyllisierung – Chance für eine klimaresiliente Gehölzverwendung in der Stadt“. Hinter dem Begriff steckt jedoch ein gut greifbarer Gedanke. Gemeint ist ein Prozess, bei dem sich die in Mitteleuropa typischen sommergrünen Laubwälder durch die Ausbreitung heimischer und nicht heimischer Arten schrittweise in zumindest teilweise immergrüne Waldgesellschaften verwandeln. Was im Wald bereits beobachtet wird, dachte Wennemar für den urbanen Raum weiter.
Das ist naheliegend, denn ausgerechnet in Städten zeigen sich die Folgen des Klimawandels oft besonders scharf. Asphalt, Beton und eng bemessene Wurzelräume verschärfen die Belastung zusätzlich. Nach Angaben der Hochschule erläuterte Wennemar, im Wald könne sich Natur bis zu einem gewissen Grad selbst an veränderte Bedingungen anpassen, in der Stadt dagegen müsse diese Anpassung geplant werden. Die Auswahl geeigneter Baumarten werde damit zu einer Kernfrage der Stadtplanung.
Immergrüne Gehölze könnten das Sortiment der Stadtbäume erweitern
Um herauszufinden, welche immergrünen Arten im städtischen Raum überhaupt in Betracht kommen, bezog Wennemar zahlreiche Einflussgrößen in ihre Untersuchung ein. Sie schaute nicht auf eine Modellstadt, sondern auf vier sehr unterschiedliche Großstädte: Hamburg, Düsseldorf, München und Berlin. Für diese Standorte erarbeitete sie Klimadiagramme und schrieb sie mit Hilfe eines Klimaszenarios in die Zukunft fort. So ließ sich abschätzen, wie warm und trocken typische Baumstandorte dort künftig ausfallen könnten.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Prozess der Laurophyllisierung für den künftigen Umgang mit Stadtgrün mehr ist als eine botanische Randnotiz. Immergrüne, wärmeliebende Gehölze könnten in Städten an Bedeutung gewinnen und damit das bislang eher schmale Spektrum klimaangepasster Stadtbäume erweitern. Das ist kein kleiner Punkt. Wer heute Alleen, Plätze oder Wohnquartiere plant, plant eben nicht mehr nur für die nächsten fünf Jahre, sondern für Jahrzehnte.
Zugleich erschöpft sich der Nutzen solcher Gehölze nicht im bloßen Durchhalten unter schwierigeren Bedingungen. Immergrüne Arten können, so legt die Arbeit nahe, auch gestalterisch neue Spielräume eröffnen und Funktionen für Stadtklima, Biodiversität und Aufenthaltsqualität übernehmen. Man könnte auch sagen: Sie wären nicht nur zäher, sondern womöglich auch prägender für das Bild der Stadt.
Wissenschaftliche Arbeit mit praktischem Blick
Betreut wurde die Masterarbeit von Prof. Dr. Jürgen Bouillon und Prof. Christian Ranck. Bouillon wertete die Arbeit nach Angaben der Hochschule als Beispiel dafür, wie sich wissenschaftliche Qualität und gesellschaftliche Relevanz sinnvoll verbinden lassen. Gerade weil das Thema hochaktuell sei, zeige die Untersuchung sehr anschaulich, wie praxisnahe Forschung Städte auf den Klimawandel vorbereiten könne.
Tatsächlich liegt ein Teil der Stärke dieser Arbeit wohl darin, dass sie nicht im Abstrakten stehen bleibt. Sie fragt nicht bloß, welche Pflanzen theoretisch denkbar wären, sondern was unter den realen Bedingungen deutscher Großstädte tragfähig erscheint. Das ist nüchterner, als es zunächst klingt, und gerade deshalb hilfreich.
Vom Botanischen Garten in die Planungspraxis
Wennemar bringt für dieses Thema nicht nur akademisches Wissen mit, sondern auch praktische Erfahrung. Nach ihrer Ausbildung zur Gärtnerin im Botanischen Garten Münster studierte sie an der Hochschule Osnabrück zunächst Freiraumplanung und anschließend Landschaftsarchitektur im Master. Bereits im Praxissemester des Bachelorstudiums arbeitete sie in einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb im Bereich Planung. Dem Unternehmen blieb sie auch während des weiteren Studiums verbunden und ist dort bis heute tätig.
Ihr Schwerpunkt liegt nach Hochschulangaben auf der Planung von Privatgärten und auf der Entwicklung größerer Bepflanzungskonzepte. Vielleicht erklärt gerade diese Verbindung aus gärtnerischer Praxis und planerischem Denken, warum ihre Arbeit weder rein theoretisch noch bloß modisch wirkt. Sie bewegt sich an einem Punkt, an dem Klimafragen, Pflanzenkenntnis und Stadtgestaltung plötzlich sehr konkret werden.

