Wie Verwaltungen ihre Resilienz messbar stärken sollen
Krisen kommen selten mit Vorwarnung und noch seltener in angenehmer Form. Mal legt ein Cyberangriff ganze Abläufe lahm, mal geraten kritische Infrastrukturen unter Druck, mal zieht sich eine Belastungslage so lange hin, dass Verwaltung und Einsatzkräfte eher zermürbt als überrascht werden. Genau an diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt RESKON an. Das Verbundvorhaben will Kommunen, Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben dabei unterstützen, ihre Handlungsfähigkeit in Krisen nicht nur punktuell zu sichern, sondern dauerhaft zu stärken. Die Technische Hochschule Wildau arbeitet als Partner des Konsortiums an allen Arbeitspaketen mit.
Kommunale Resilienz soll planbar und messbar werden
Hinter dem Kürzel RESKON steckt ein sperriger Titel, der im Kern auf ein recht nüchternes Ziel hinausläuft: Die Resilienz von Staat und Verwaltung soll nicht bloß beschworen, sondern systematisch erfasst, weiterentwickelt und überprüft werden. Nach Angaben der Projektpartner geht es um einen fähigkeitsbasierten Ansatz, der Verwaltungen aus der reinen Reaktion herausführen soll. Widerstandsfähigkeit wäre dann nicht mehr bloß eine Tugend für schlechte Zeiten, sondern Teil eines fortlaufenden Verbesserungsprozesses.
Das klingt technokratisch, ist in der Sache aber ziemlich konkret. Denn in vielen Verwaltungen fehlt bislang weniger der Wille als ein praxistaugliches Instrumentarium, mit dem sich Schwächen sauber benennen und Fortschritte nachvollziehbar belegen lassen. Genau hier will RESKON ansetzen.
Der Resilienz-Werkzeugkoffer von RESKON
Das Projekt entwickelt dazu eine Art Werkzeugkoffer, der aus sechs aufeinander bezogenen Bausteinen besteht. Im Zentrum steht zunächst ein Resilienzfähigkeitsmodell, das bestehende und notwendige Fähigkeiten in Behörden qualitativ bestimmen soll. Über Fragebögen werden Ist- und Soll-Zustand erfasst, außerdem jene Lücken, die in einer Krise plötzlich sehr groß wirken können. Ergänzt wird das durch eine quantitative Resilienzmessung. Dabei soll ein Netzwerkmodell zentrale Elemente von Behörden abbilden, um anhand definierter Szenarien zu simulieren, welche Folgen bestimmte Maßnahmen hätten, etwa eine personelle Verstärkung oder organisatorische Anpassungen.
Hinzu kommt ein Methodenkatalog, der resilienzsteigernde Maßnahmen, Instrumente, Trainings und Verfahren ordnet und nach Praktikabilität, Ressourcenbedarf und erwarteter Wirkung einstuft. Ein Kooperationskonzept soll wiederum Kommunikation, Koordination und Wissenstransfer innerhalb von Behörden und zwischen verschiedenen Stellen verbessern. Es baut nach Projektangaben auf dem integrierten Risikomanagement des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf. Flankiert wird das Ganze durch einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess, kurz KVP, der auf die besonderen Bedingungen in Behörden zugeschnitten wird. Schließlich sollen Transformations- und Trainingsformate den Transfer in den Alltag absichern, also dort, wo Konzepte sich erfahrungsgemäß erst bewähren müssen.
Jan Seitz, der das Teilprojekt in der Forschungsgruppe Sichere Systeme und Prozesse an der TH Wildau koordiniert, beschreibt diese Module nach Hochschulangaben als einen geschlossenen Zyklus. Dieser reiche von der ersten Resilienzbewertung über die Auswahl und Umsetzung geeigneter Maßnahmen bis hin zur erneuten Überprüfung, mit der sich das erreichte Niveau fortlaufend anpassen und verbessern lasse.
TH Wildau arbeitet an Resilienzmodell und Verbesserungsprozess
Die TH Wildau übernimmt in dem Verbund eine tragende Rolle. Die Forschungsgruppe konzentriert sich vor allem auf die methodische Begleitung und auf die praktische Anwendung in Kommunen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Resilienzfähigkeitsmodell. Dieses soll auf fachlicher Expertise, systematischer Analyse und dem Rücklauf aus der Praxis aufbauen. Ziel ist es, das aktuelle Fähigkeitsniveau von Behörden zu bestimmen, den künftig notwendigen Stand zu skizzieren und daraus ein belastbares Zukunftsbild behördlicher Resilienz abzuleiten.
Daneben arbeitet die Hochschule an einem KVP, der eigens auf Behörden zugeschnitten wird. Das ist deshalb nicht banal, weil Verwaltung selten unter Laborbedingungen arbeitet. Starre Hierarchien, bürokratische Routinen und gewachsene Fehlerkulturen bremsen Veränderungen oft stärker als jede Fachdebatte. RESKON will diese Reibungen nicht ausblenden, sondern in das Modell einbauen. Sowohl das Fähigkeitsmodell als auch der Verbesserungsprozess sollen mit Praxis- und Forschungspartnern erprobt und fortlaufend nachgeschärft werden. Geplant sind zudem Leitfäden, mit denen Behörden die entwickelten Ansätze eigenständig anwenden und verankern können.
Forschung für zivile Sicherheit mit breitem Konsortium
Gefördert wird das Projekt im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit“ durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Die Verbundkoordination liegt beim Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen. Ebenfalls beteiligt sind das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, die Compleneo Consulting GmbH und die Feuerwehr Dortmund. Hinzu kommen weitere Praxis- und assoziierte Partner, darunter die Hochschulstadt Wildau, die Gemeinde Hofstetten, das German Institute of Defense Studies, die Deutsche Hochschule der Polizei und das The European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats.
Schon diese Zusammensetzung zeigt, worauf RESKON hinauswill: nicht auf ein Modell für die Schublade, sondern auf ein Instrument, das zwischen Forschung, Verwaltung und Sicherheitsakteuren anschlussfähig sein soll. Ob daraus am Ende ein breit nutzbarer Standard wird, hängt freilich nicht nur von der Qualität des Modells ab. Es wird auch darauf ankommen, ob Behörden Zeit, Personal und politischen Rückhalt haben, solche Prozesse wirklich ernsthaft zu betreiben. Gerade daran hapert es im Alltag bekanntlich gern.
Podcast zeigt, wie Resilienz in Kommunen praktisch gedacht wird
Wie nah das Projekt an realen kommunalen Problemen bleiben will, zeigt auch ein begleitender Blick in die Praxis. In der Sendung „TH Themen“ bei radioSKW sprachen Jan Seitz und Frank Nerlich, Bürgermeister der Hochschulstadt Wildau, nach Angaben der Hochschule über mögliche Krisenszenarien in Städten und Gemeinden. Im Gespräch mit Moderatorin Susanne Trotzki ging es darum, wie Sicherheitsvorfälle im kommunalen Alltag aussehen können, weshalb eine dauerhafte Beschäftigung mit Resilienzstrategien für moderne Verwaltungen notwendig ist und warum angewandte Wissenschaft in diesem Feld mehr sein soll als bloße Theorie.
Damit berührt RESKON einen wunden Punkt der deutschen Verwaltungswirklichkeit. Krisenfestigkeit entsteht eben nicht erst dann, wenn Sirenen heulen oder Netze ausfallen. Sie beginnt viel früher, in Prozessen, Zuständigkeiten, Kommunikationswegen und in der ziemlich unglamourösen Frage, ob Behörden aus Fehlern lernen. Genau dort setzt das Projekt an. Und genau dort wird sich zeigen, ob aus einem ambitionierten Forschungsvorhaben tatsächlich ein praxistaugliches Werkzeug für die kommunale Resilienz wird.

