Zehn Jahre meetMINT: Wenn Studentinnen zu Vorbildern werden
Rund 50 Studentinnen haben sich in zehn Jahren als Role-Models engagiert, etwa 850 Teilnehmerinnen kamen zu rund 60 Veranstaltungen. Das Programm meetMINT der Hochschule Bremen setzt dabei auf eine ziemlich direkte Form der Studienorientierung: Schülerinnen treffen Frauen, die Informatik, Energietechnik, Bauingenieurwesen, Maschinenbau oder andere MINT-Fächer studieren. Am 24. September 2026 feierte die HSB das zehnjährige Bestehen des Programms.
Eine Studiengangsbroschüre kann erklären, was Mechatronik ist. Sie kann Module auflisten, Berufsfelder beschreiben und mit Laborfotos um Aufmerksamkeit werben. Sie kann aber schlecht erzählen, wie es sich anfühlt, als junge Frau in einem Studiengang anzufangen, in dem überwiegend Männer sitzen.
Genau an dieser Stelle setzt meetMINT an. Studentinnen arbeiten mit Schülerinnen in Workshops, beantworten Fragen und berichten aus ihrem Hochschulalltag. Aus Studienorientierung wird damit ein Gespräch unter Frauen, die zwar an unterschiedlichen Punkten stehen, deren Bildungswege aber nicht weit auseinanderliegen.
Der Bedarf dafür ist nicht verschwunden. Frauen beginnen in Deutschland weiterhin seltener ein MINT-Studium als Männer. Die Richtung hat sich allerdings verändert. Im Studienjahr 2024 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 36 Prozent der Studienanfängerinnen und Studienanfänger im ersten Fachsemester eines MINT-Fachs Frauen. Zehn Jahre zuvor waren es 31 Prozent.
Hinter diesen Durchschnittswerten liegen sehr unterschiedliche Fachkulturen. In einigen MINT-Disziplinen sind Studentinnen längst keine Ausnahme mehr, in anderen schon. Destatis weist für 2024 bei den Studienanfängerinnen und Studienanfängern eine Spannweite von 87 Prozent Frauen in der Innenarchitektur bis zu 10 Prozent in der Fahrzeugtechnik aus. Wer pauschal über „Frauen in MINT“ spricht, packt also ziemlich verschiedene Verhältnisse in dieselbe Schublade.
Vom Workshop in den Hörsaal
Wie der Weg über meetMINT aussehen kann, zeigt Mette Michaelis. Sie hat an mehreren Veranstaltungen teilgenommen und studiert inzwischen Automatisierung/Mechatronik an der Hochschule Bremen.
„Die meetMINT-Veranstaltungen haben mir sehr geholfen und mich an die Hochschule Bremen und zu meinem Wunschstudiengang geführt“, sagt sie. Künftig will Michaelis selbst als Role-Model bei meetMINT mitarbeiten.
Das ist für das Programm ein schöner Kreislauf: Eine ehemalige Teilnehmerin steht einige Jahre später auf der anderen Seite. Vor allem zeigt ihr Beispiel, worauf meetMINT baut. Glaubwürdigkeit entsteht hier nicht über institutionelle Autorität, sondern über Nähe. Eine Studentin kann Fragen beantworten, die Schülerinnen einem Professor, einer Studienberaterin oder auf einem Hochschulinformationstag womöglich anders stellen würden.
In zehn Jahren kamen nach Angaben der Hochschule rund 850 Teilnehmerinnen aus Bremen und Niedersachsen zu etwa 60 Veranstaltungen. Rund 50 Studentinnen engagierten sich als Role-Models. Die Workshops und Vernetzungstreffen sind nach Angaben der HSB stark nachgefragt und schnell ausgebucht.
850 Teilnehmerinnen in zehn Jahren sind keine riesige Zahl. Das müssen sie auch nicht sein. meetMINT ist kein Reichweitenprogramm für Zehntausende Schülerinnen, sondern lebt vom unmittelbaren Kontakt. Interessanter als die schiere Teilnehmerzahl ist deshalb, ob aus einem Workshop eine Studienentscheidung wird. Für einzelne Teilnehmerinnen wie Mette Michaelis ist dieser Weg dokumentiert. Zahlen über die späteren Studienentscheidungen aller ehemaligen Teilnehmerinnen liegen im vorliegenden Material nicht vor.
Die MINT-Lücke schrumpft langsam
Dass sich bei der Studienwahl etwas bewegt, zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes. Der Frauenanteil unter den MINT-Studienanfängerinnen und -anfängern ist binnen zehn Jahren um fünf Prozentpunkte gestiegen.
Bemerkenswert ist der Vergleich mit der Gesamtheit der Studienanfängerinnen und Studienanfänger. Dort stellten Frauen 2024 mit 52 Prozent bereits die Mehrheit. Das Geschlechtergefälle betrifft also nicht den Hochschulzugang an sich, sondern konzentriert sich auf bestimmte Fachrichtungen.
Noch deutlicher wird das außerhalb der Hochschulen. Bei neu begonnenen Ausbildungen in MINT-Berufen lag der Frauenanteil 2024 laut Destatis bei lediglich 12 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es 11 Prozent. In der beruflichen Ausbildung hat sich das Verhältnis damit kaum verschoben.
Projektleiterin Susanne Peter kennt die Zähigkeit solcher Entwicklungen. „Gesellschaftliche Strukturen lassen sich nicht so ohne weiteres verändern. Dauerhafte Maßnahmen sind deshalb nötig, um mehr Mädchen und Frauen für MINT zu gewinnen“, sagt sie.
Zehn Jahre sind für ein Hochschulprojekt tatsächlich eine beachtliche Laufzeit. Programme kommen, Förderperioden enden, Zuständigkeiten wechseln. meetMINT hat einen solchen Wechsel bereits hinter sich. Gestartet ist das Programm in der Gleichstellungsstelle, heute ist es in der Zentralen Studienberatung angesiedelt. Über viele Jahre wurde es aus Mitteln des Professorinnenprogramms und von der Brede Stiftung gefördert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zeichnete es nach Angaben der Hochschule als Modellprojekt aus.
Zehn Jahre und ein Rollenwechsel
Zum Geburtstag am 24. September kamen Gäste aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft an die Hochschule. Auch ehemalige Role-Models waren dabei, die inzwischen in MINT-Berufen arbeiten.
Bremens Wissenschaftssenatorin Dr. Henrike Müller verband das Jubiläum mit einem Appell an Schülerinnen: „Ich möchte Mädchen dazu ermutigen, ihren Interessen zu folgen und sich auf den Weg zu machen, um Informatikerin, Ingenieurin oder Mathematikerin zu werden.“
HSB-Rektor Prof. Dr. Konrad Wolf formulierte das Prinzip des Programms etwas handfester: „Die besten Botschafterinnen und Vorbilder, um Mädchen für MINT zu begeistern, sind Frauen. Da kann ich als Rektor noch so viel dafür werben.“
Der Satz trifft einen interessanten Punkt. Hochschulen können Studiengänge bewerben, Kampagnen starten und Informationstage veranstalten. meetMINT setzt eine Ebene früher an: bei der Vorstellung, wer überhaupt in einen technischen Hörsaal gehört.
Nach zehn Jahren tauchen einige der Frauen, die über das Programm angesprochen wurden, dort tatsächlich auf. Mette Michaelis geht noch einen Schritt weiter. Sie will nun selbst Schülerinnen ansprechen.
Damit wechselt sie vom Vorbildsuchenden zum Vorbild. Für meetMINT dürfte genau dieser Rollenwechsel mehr erzählen als manche Jubiläumszahl.

