Fast eine Million Euro für neue Evolutionsforschung in Kiel
Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel kann in der Evolutionsbiologie einen beachtlichen Erfolg verbuchen: Professorin Olivia Roth erhält aus der Momentum-Initiative der VolkswagenStiftung rund 950.000 Euro. Das Geld fließt nicht in ein eng umrissenes Einzelprojekt, sondern in den Ausbau einer noch jungen Professur am Zoologischen Institut, also in Infrastruktur, Tierhaltung, Laborbedingungen und den wissenschaftlichen Spielraum, der zu Beginn einer Professur oft kostbarer ist als jede Sonntagsrede. Die Stiftung beschreibt ihr Programm ausdrücklich als Unterstützung für Forscher in den ersten Jahren nach der ersten Berufung, die ihrem Fach neue Richtungen geben wollen.
Bemerkenswert ist dabei weniger die übliche Summe im Förderjargon als die Logik dahinter. Momentum soll nach Angaben der VolkswagenStiftung gerade nicht das nächste sauber abgezirkelte Teilprojekt finanzieren, das sich geräuschlos in bestehende Routinen einfügt. Gefördert wird vielmehr der strategische Umbau einer Professur. Für Roth heißt das: Bedingungen schaffen, unter denen eine Forschungsidee wachsen kann, statt sie vorschnell in enge Antragsspalten zu pressen. Man könnte auch sagen: erst das Fundament, dann der Ausbau. In der Wissenschaft ist diese Reihenfolge keineswegs selbstverständlich.
Momentum-Förderung stärkt Olivia Roths Forschungsprofil an der CAU
Im Zentrum steht ein Vorhaben, das Ende 2026 anlaufen soll und einen sperrigen, aber aufschlussreichen Titel trägt: Neue Modellsysteme zur Erforschung der Ko-Evolution von Fortpflanzungsstrategie und Immunität. Dahinter steckt eine ziemlich handfeste Frage. Verändert sich das Immunsystem eines Organismus vor allem entlang des biologischen Geschlechts, oder spielt die Art, wie ein Lebewesen sich fortpflanzt, womöglich eine ebenso große, vielleicht sogar größere Rolle? Genau dort setzt Roths Arbeitsgruppe Marine Evolutionsbiologie an, die an der CAU angesiedelt ist und in mehreren Kieler Forschungsverbünden mitarbeitet. Auch CAU-Vizepräsident Eckhard Quandt wertete die Bewilligung nach Universitätsangaben als besondere Auszeichnung in einem stark umkämpften Verfahren.

Warum Reproduktionsstrategie und Immunsystem zusammengehören
Die klassische Sicht der Biomedizin ist vertraut: Das biologische Geschlecht gilt als wichtiger Taktgeber der Immunantwort. Häufig wird angenommen, dass weibliche Organismen stärker auf Infektionen reagieren, was Schutz bringen kann, zugleich aber auch mit einem höheren Risiko für Autoimmunerkrankungen verbunden sein kann. Roths Team hält diese Perspektive jedoch für zu schmal. Nach Angaben der Universität deuten neuere Befunde aus der Arbeitsgruppe darauf hin, dass Geschlechterrolle und Reproduktionsstrategie erheblich in die Immunregulation hineinspielen könnten. Genau deshalb richtet sich der Blick auf Arten, bei denen vertraute Schablonen versagen: auf Tiere, die ihr Geschlecht im Lauf des Lebens wechseln, in ungewöhnlichen Konstellationen Nachwuchs austragen oder Brutpflege anders organisieren, als es das Lehrbuch lange nahelegte. Das ist keine zoologische Kuriosität am Rand, sondern ein möglicher Schlüssel zu einer präziseren Biologie.
Fische als Modell: Korallengrundeln und Zahnkarpfen im Labor
Für diese Arbeit will Roth zwei Fischgruppen als neue Modellsysteme im Kieler Labor etablieren: Korallengrundeln und Zahnkarpfen. Die Wahl wirkt auf den ersten Blick exotisch, wissenschaftlich ist sie jedoch erstaunlich nüchtern. Diese Knochenfische bringen Eigenschaften mit, die für die Fragestellung besonders ergiebig sind, darunter bidirektionale Geschlechtsumwandlung, Zwittrigkeit, Lebendgebären sowie das Auftreten oder Ausbleiben von Brutpflege. Hinzu kommt ein praktischer Vorzug, der in der Forschung manchmal fast so wichtig ist wie die Theorie: kurze Generationszeiten, vergleichsweise einfache Haltung und die Möglichkeit genetischer Eingriffe. Die Förderung soll nun die passenden Haltungsbedingungen und die nötige Infrastruktur schaffen.

Kieler Forschungsnetzwerke als Resonanzraum
Roths Professur arbeitet an der Schnittstelle von Kiel Life Science und Kiel Marine Science. Zugleich ist die Evolutionsbiologin in das Kiel Evolution Center, das Graduiertenkolleg TransEvo und den Sonderforschungsbereich 1182 zu Metaorganismen eingebunden. Das ist mehr als akademischer Zierrat. Gerade bei Fragen, die von der Evolutionsökologie bis zur Medizin reichen, entscheidet oft nicht die einzelne Idee, sondern das Umfeld, in dem sie geprüft, verworfen, neu geschliffen und schließlich belastbar gemacht wird. Kiel setzt seit Jahren darauf, zwischen Grundlagenforschung und Anwendung Brücken zu schlagen; Roths Vorhaben fügt sich ziemlich genau in diese Linie ein.
Was die Forschung für geschlechtersensible Medizin bedeuten könnte
Im nächsten Schritt will das Team klären, wie Hormone, Genetik, Lebensweise, Mikrobiom und Umweltfaktoren mit Fortpflanzungsstrategien und Immunabwehr zusammenspielen. Daraus entsteht morgen früh noch keine neue Therapie, so viel Bodenhaftung schadet nicht. Aber der Ansatz rührt an einen wunden Punkt der Medizin: Nach Angaben der Universität bestehen beim Zusammenhang von Geschlecht und Immunsystem weiterhin erhebliche Wissenslücken, die sich im Behandlungsalltag oft in einer stark männlich geprägten Perspektive niederschlagen. Roth verbindet ihre evolutionsbiologischen Modelle deshalb mit der Hoffnung, solche Schieflagen künftig besser zu verstehen und Diagnostik wie Therapie geschlechtersensibler auszurichten. Ob dieser Transfer in die Humanmedizin am Ende so geradlinig gelingt, wie Förderprogramme es gern klingen lassen, muss die Forschung erst beweisen. Genau deshalb ist das Projekt interessant.

