Frühwarnsystem im Schuh: Sensorsohle soll bei Diabetes alarmieren
Ein Steinchen im Schuh, eine Druckstelle an der Ferse, ein winziger Riss an der Haut – was gesunde Menschen meist sofort bemerken, bleibt bei vielen Diabetikern oft lange unentdeckt. Genau darin liegt die Gefahr des diabetischen Fußsyndroms. Nerven- und Gefäßschäden können dazu führen, dass Schmerzen, Reibung und Überlastungen kaum noch wahrgenommen werden, während kleine Wunden zugleich schlechter heilen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft gibt das Lebenszeitrisiko für ein diabetisches Fußsyndrom mit 19 bis 34 Prozent an; in einer DDG-Mitteilung ist außerdem davon die Rede, dass etwa jeder dritte bis vierte Mensch mit Diabetes im Laufe seines Lebens betroffen ist. Vor diesem Hintergrund wirkt die Idee aus Osnabrück bemerkenswert bodenständig: Moritz Kampe, Maschinenbau-Student der Hochschule Osnabrück, hat eine Einlegesohle entwickelt, die kritische Druckbelastungen beim Gehen früh sichtbar machen soll. Nicht erst in der Klinik, sondern dort, wo das Problem tatsächlich entsteht – mitten im Alltag.

Fünf Messpunkte liefern Daten aus dem Alltag statt nur aus dem Labor
Der Prototyp ist als flexible Einlegesohle aufgebaut und nach Hochschulangaben ausdrücklich für den mobilen Einsatz gedacht. Fünf Messpunkte sitzen an biomechanisch besonders wichtigen Bereichen des Fußes, darunter Ferse, Vorfuß und Zehenbereich. Als Sensormaterial dient Velostat, ein drucksensitives Polymer, dessen elektrischer Widerstand sich unter Belastung verändert. Die Sensoren liegen geschützt zwischen textilen Schichten und sind über flache Leitungen mit einer kompakten Auswerteelektronik verbunden. Das klingt nach Basteltisch und Feinarbeit zugleich, soll den Tragekomfort aber kaum schmälern. Eine eigens entwickelte Platine erfasst die Messsignale in Echtzeit, eine Knopfzelle übernimmt die Stromversorgung, und per Bluetooth gehen die Daten an ein Endgerät. Dort erkennt ein Algorithmus einzelne Schritte ebenso wie Stand- und Schwungphasen des Fußes. Aus diesen Informationen lässt sich die Druckverteilung während des Abrollens berechnen. Diagramme und Heatmaps machen auffällige Muster sichtbar, also genau jene unscheinbaren Belastungen, aus denen später ernste Schäden werden können. Gerade das macht den Ansatz interessant: Einmalige Laboraufnahmen zeigen oft nur einen Ausschnitt, wiederkehrende Daten aus dem Alltag dagegen das wirkliche Gangbild.

Der Prototyp zeigt Potenzial, bis zum Produkt bleibt aber Arbeit
Professor Jens Schäfer ordnete das Projekt nach Angaben der Hochschule als Beispiel dafür ein, dass sich die plantare Druckverteilung mit vergleichsweise einfachen und kostengünstigen technischen Mitteln medizinisch relevant überwachen lasse. Kampe selbst machte deutlich, dass aus einem funktionierenden Prototyp noch kein marktreifes Produkt erwächst. Vor einer breiteren Anwendung müssten unter anderem Langzeitstabilität, Alltagstauglichkeit und die Recyclingfähigkeit intelligenter Textilien genauer untersucht werden. Genau an dieser Stelle knüpft das Projekt „ReSiST-AR“ an, das an der Hochschule Osnabrück läuft und vom 1. Oktober 2025 bis zum 30. September 2027 durch Mittel des Landes Niedersachsen sowie des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert wird. Das alles mag technisch klingen, beinahe spröde. Für Menschen mit Diabetes steckt darin dennoch ein sehr praktischer Gedanke: Je früher riskante Fehlbelastungen sichtbar werden, desto eher lässt sich gegensteuern, bevor aus Druck ein Defekt und aus einem Defekt womöglich eine chronische Wunde wird. Prävention beginnt manchmal eben in einer unscheinbaren Sohle.

